Zwei Frankfurter stoßen mit Apfelwein vor der Kulisse an
Prost! Der Apfelwein hat es in diesem Jahr in sich. Bild © picture-alliance/dpa

Zischt wie Apfelsaft, knallt wie Starkbier: Wer in diesem Sommer zu tief in den Bembel schaut, könnte in Rekordzeit betrunken sein. Grund dafür: Der Ebbelwoi hat so viele Umdrehungen wie nie.

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Apfelwein wird aus einem Bembel in Gläser geschüttet

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nach Jahrhundertsommer 2018: Apfelwein hat bis zu 9,5 Prozent Alkohol

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Es klingt wie ein Märchen aus eintausendundeiner hessischen Nacht: Man hängt den ganzen Tag am See rum, hier ein Eis, dort ein paar Pommes, zwischendurch immer mal wieder ein Kaltgetränk und zum Ausklang des Tages geht's in eine schöne Apfelwein-Kneipe. Handkäs mit Musik vorneweg, dann Schnitzel mit Grüner Soße und einen Bembel auf den Tisch. Den größten, versteht sich. Bei der Hitze muss man ja viel trinken.

Doch genau dort lauert in diesem Sommer die Gefahr: "High Voltage", nennt das der Frankfurter Kelterer Andreas Schneider.

Alles wie immer, nur schneller blau

Heißt übersetzt: Der Hessen liebstes Erfrischungsgetränk hat es in sich. Statt der üblichen fünf Prozent Alkohol lauert im Apfelwein in diesem Jahr fast das Doppelte an stimmungsaufhellenden Stoffen. "Bis zu 9,5 Prozent", beziffert Schneider die zusätzlichen Umdrehungen.

Der Ebbelwoi riecht, sieht aus und schmeckt wie immer, die Wirkung ist aber eine andere. Ein Wolf im Schafspelz mit Kater-Gefahr also. Oder einfach: "ein Jahrhundert-Apfelwein".

Sonne = Süße = Alkohol

Doch woher kommt der gestiegene Alkoholgehalt? "Von der Sonne", erklärt Martin Heil von der gleichnamigen Kelterei. Die lang anhaltende Hitze des vergangenen Sommers hat zu mehr Zucker in den Äpfeln geführt. Mehr Süße heißt mehr Oechsle. Mehr Oechsle, so der Fachterminus für die Zuckerkonzentration, heißt mehr Alkohol.

Besonders stark betroffen sind vor allem die spät im Herbst geernteten Äpfel, die mehrere Monate unter praller Sonne gereift sind. "Die sind kleiner, da ist das alles natürlich noch konzentrierter", sagt Heil.

Sein Kelterei-Kollege Schneider, der seit 25 Jahren Apfelwein herstellt, hat einen derartigen Alkoholanstieg noch nie erlebt. 2003 habe die Dürre zwar schon einmal für ungewöhnlich hohe Werte gesorgt, der letztjährige Sommer der Superlative mit überdurchschnittlich hohen Temperaturen und schier endlosen Sonnenstunden habe das alles aber pulverisiert. "Normalerweise sind 70 Oechsle schon ein hoher Wert", so Schneider. "2018 hatten wir teilweise bis zu 84."

Große Keltereien greifen zu einem Trick

Nüchterne Zahlen, die in der Realität nicht viel mit Nüchternheit zu tun haben. Noch hat es zwar erst ein Teil der hochprozentigen Weine in den Schneiderschen Ausschank geschafft. Sobald dieser die durstigen Kehlen der Gäste hinuntergespült wird, steigt die Stimmung jedoch relativ schnell, wie Schneider berichtet. "Die merken das schon, dass der Apfelwein gehaltvoller ist." Grund zur Panik bestehe jedoch nicht: "Wir empfehlen einfach eine etwas dünnere Mischung, das kann jeder nach seinem Geschmack machen." Gespritzt wird mit Wasser, nicht mit Limo. Versteht sich.

Bei den großen Keltereien, die Supermärkte und Kneipen beliefern, greift man derweil zu einem anderen Trick. Da die Etiketten auf den Flaschen nicht geändert werden und somit der angegebene Alkoholgehalt immer gleich bleibt, wird "verschnitten", wie Heil erklärt.

Der etwas bekömmlichere Apfelwein vom Frühsommer wird zur Hochspannungs-Variante des Spätsommers dazugegeben. Fertig ist der Ebbelwoi, den jeder kennt. "Eine Toleranz von einem Prozent ist erlaubt", schränkt Heil ein. Einzige Bedingung, das kennt man aus der Politik: Unter die Fünf-Prozent-Hürde darf der Apfelwein nicht rutschen. Dann wäre er kein Wein mehr.

Mehr Alkohol: ja. Grund zur Sorge: nein

Sorgen, das unterstreichen Heil und Schneider unisono, muss sich der Hesse bei seinen sommerlichen Ausflügen also nicht machen. In Gaststuben mit eigener Apfelwein-Produktion wird ausreichend Wasser gereicht und auf den Alkoholgehalt hingewiesen.

In allen anderen Vergnügungsstätten ist der Apfelwein so, wie es die hessischen Blutkreisläufe seit Jahren und Jahrzehnten kennen: lecker, durstlöschend und mit einem handelsüblichen Alkoholgehalt. "Bis dato", das berichtet Ralph Göllner, der Wirt der Zappbar im Frankfurter Nordend, "hat auch noch keiner mehr gelallt als sonst".