Jude, Fensterscheibe, Davidstern
Den Pogromen ging systematische Hetze voraus: Unter anderem wurde die deutsche Bevölkerung aufgerufen, jüdische Geschäfte zu boykottieren. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Vor 80 Jahren - im November 1938 - läuteten die Novemberpogrome den Holocaust ein: Landesweit terrorisierten Nazi-Schergen jüdische Mitbürger, Synagogen standen in Flammen. Besonders schlimm war es in ländlichen Regionen - wie in Büdingen in der Wetterau.

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Jettchen Hirschmann und ihr querschnittsgelähmter Mann Gustav sitzen gerade in der Küche, als der Gewaltexzess über sie kommt: Mehrere Jugendliche stürmen ihre Wohnung in der Büdinger Schlossgasse 9. Sie zerschlagen das Inventar, zwei Jungen packen das ältere Ehepaar, stoßen es die Treppe herunter und treiben es zusammen mit einer Menschenmenge über die Straße.

Ein 18 Jahre alter Metzgergeselle, der gerade auf dem Heimweg von der Arbeit ist, geht der Menschenmenge nach - aber nicht etwa, um dem Ehepaar zu helfen. Er wirft sich in die Meute, packt Jettchen Hirschmann an den Kleidern, tritt sie mit seinen Metzgerstiefeln, zerrt sie wieder hoch, tritt sie wieder. Das Opfer, verletzt und verängstigt, lässt sich am Ende freiwillig ins Amtsgerichtsgefängnis bringen - sie glaubt, dort sei sie sicherer.

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Buchtipps

"Reichskristallnacht. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande" (2008) von Hans-Dieter Arntz. "Geschichte und Kultur der Juden in Büdingen" (2013) herausgegeben vom Büdinger Geschichtsverein.

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Weg zum Holocaust geebnet

Was zwischen dem 8. und 10. November 1938 in Büdingen (Wetterau) passiert, unterscheidet sich in der Brutalität kaum von den Exzessen im übrigen Deutschen Reich: Jüdische Einwohner werden aus ihren Wohnungen gezerrt, geschlagen und gedemütigt.

Menschen rotten sich zusammen, dringen in die Wohnungen ein, zertrümmern die Einrichtung, Fensterscheiben und Geschirr, schlitzen Betten auf und werfen Möbel auf die Straße. Im ganzen Reich brennen die Synagogen. Die Novemberpogrome ebnen den Weg von der Diskriminierung der deutschen Juden hin zur systematischen Verfolgung und zum Holocaust.  

Man kennt sich

Und doch: Es gibt einen Unterschied. In den Städten sind es oft anonyme Massen, die die Juden terrorisieren, organisiert von SS- und SA-Trupps. Auf dem Land gehen Nachbarn gegen Nachbarn vor. Man kennt sich: aus der Schule, aus dem Sportverein. "Da wurden auch alte Rechnungen beglichen", sagt Joachim Cott, Vorsitzender des Büdinger Geschichtsvereins.

Erinnerung an Juden in Büdingen
Das Judenbad in Büdingen. Es liegt im Hof der ehemaligen Synagoge, die schon 1938 zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. Bild © Büdinger Geschichtsverein

Besonders grausig: Nachbarn lassen sich vom Blutrausch anstecken, viele schauen weg, andere applaudieren. Der Metzgergeselle, der die 59 Jahre alte Jettchen Hirschmann misshandelt, ist kein Mitglied der Hitlerjugend oder der NSDAP. An seiner Arbeitsstelle gilt er als fleißig und tüchtig, wie die Erste Strafkammer des Landgerichts Gießen Anfang 1949 rekonstruiert, als das Geschehen in Büdingen aufgearbeitet werden soll.

Unter Beifall Mobiliar verbrannt

"Es gab wohl einen Lehrer, der versucht hat, die Hirschmanns zu schützen", erzählt Cott, der an dem Buch "Geschichte und Kultur der Büdinger Juden" mitgearbeitet hat. "Das hat letztendlich aber keinen interessiert."

Auch in Düdelsheim, heute ein Stadtteil von Büdingen, spielen sich schreckliche Szenen ab: Menschen werden mit Jauche bespritzt und zum Rathaus getrieben, wo sie beschimpft, verhöhnt und mit Stricken um den Hals zur Schau gestellt werden. SA-Leute verbrennen unter dem Beifall einer großen Menschenmenge das Mobiliar der Synagoge auf der Marktwiese.

Jüdisches Leben erloschen

Erinnerung an Juden in Büdingen
Seit 1992 erinnert das Projekt "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig europaweit an jüdische Einwohner. Seit 2007 auch in Büdingen. Bild © Sonja Fouraté (hr)

Nach den Pogromen verlassen sämtliche, noch übrige Juden Büdingen (bis 1933 lebten in der heutigen Kernstadt 149 Juden). 1939 wird die letzte "Abmeldung" eines Juden registriert. Die Hirschmanns werden fünf Tage nach den Misshandlungen nach Frankfurt transportiert, wo der 63-jährige Gustav wohl den Freitod wählt, wie Joachim Cott erzählt.

Jettchen schafft es, in die USA zu ihren Kindern zu fliehen, die schon nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgewandert sind. Sie stirbt 1953. Der spontane Mitläufer, der Metzgergeselle, wird 1949 vom Landgericht Gießen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das jüdische Leben in Büdingen und Umgebung ist bis heute erloschen.

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Die Reichspogromnacht in Hessen

  • der Anteil der Juden lag in Hessen nach Angaben der Landeszentrale für politische Bildung über dem Durchschnitt des übrigen Deutschlands (1,25 zu 0,9 Prozent)
  • bis 1933 gab es 363 Synagogen auf dem Gebiet des heutigen Hessen
  • zur Zeit der November-Pogrome wurden von diesen Synagogen noch rund 145 als Gebetshäuser genutzt, die meisten wurden zerstört oder geschändet
  • schon am 7. und 8. November fanden lokale Ausschreitungen gegen Juden statt - ein Zentrum war der Regierungsbezirk Kassel; die Stadt war Verwaltungs- und Parteizentrum, auch die Zentrale eines SS-Abschnitts und eines Unterabschnitts des Sicherheitsdienstes (SD) lagen hier
  • in Kassel verwüstete eine Menschenmenge, wahrscheinlich gesteuert von SS-Leuten in Zivil, am 7. November unter anderem die Synagoge. Ähnliches passierte in Bebra, Bad Arolsen und anderen hessischen Orten. Aufhänger war das Attentat eines polnischen Juden auf einen deutschen Botschaftsmitarbeiter in Paris, der später seinen Verletzungen erlag
  • die Bad Hersfelder Synagoge war das erste jüdische Gotteshaus in Hessen, das bei den Pogromen brannte (am Abend des 8. November)
  • die eigentliche Reichpogromnacht fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November statt, nach einer Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels, die als zentrale Order zur Zerstörung jüdischer Einrichtungen verstanden wurde
  • das für Hessen zuständige KZ Buchenwald verzeichnete für die ersten Tage nach den Pogromen genau 9.845 eingelieferte jüdische Häftlinge, allerdings kamen nicht alle aus Hessen
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