Stina Onescheit
Stina Onescheit hatte Glück: "Ich musste nicht irgendeinen Job annehmen, nur um Geld zu verdienen." Bild © Sophia Luft

1.000 Euro im Monat geschenkt bekommen. Das ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Ist es gerecht, Geld zu erhalten, ohne dafür arbeiten zu müssen? Stina Onescheit immerhin hat es zu einer Stelle verholfen.

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hs

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Seit eineinhalb Jahren arbeitet Stina Onescheit in der Tierstation am Flughafen Frankfurt. Dort kümmert sich die gelernte Pferdewirtin um die Tiere, die eine Reise antreten oder von einer Reise zurückgekehrt sind. Für Stina Onescheit ein Glücksfall, denn: "Hier kann ich das machen, was ich auch gelernt habe: Tiere pflegen." Der Job sei sehr abwechslungsreich. "Von Sportpferden über Katzen und Hunde - man hat immer mit anderen Tieren zu tun." Die Stelle ergattern konnte sie, weil sie ein Jahr lang das bedingungslose Grundeinkommen bekam.

Als Onescheit bei einer gewann, war sie gerade arbeitslos. Vorher hatte sie einen Teilzeitjob in einem Kino in Hamburg. Doch das hatte nichts mit ihrer Ausbildung zu tun und war nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Irgendwann fand ihr Freund dann eine neue Stelle in Frankfurt. Ohne berufliche Perspektive zog Onescheit mit ihm nach Obertshausen (Offenbach).

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Bedingungsloses Grundeinkommen

Das Konzept sieht für jeden Bürger ein Grundeinkommen vor und soll somit die Existenz und Teilhabe aller Bürger in der Gesellschaft sichern. Dieses Einkommen wäre staatlich festgelegt und für jeden gleich - unabhängig von finanziellen Verhältnissen und ohne Gegenleistung. Im Gegenzug entfielen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen alle anderen staatlichen Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialleistung und Kindergeld. Finanziert würde es je nach Modell über Steuergeld oder durch die Reduzierung von Bürokratie.

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Kurz nach ihrem Umzug erreichte sie eine Mail mit einer Gewinnbenachrichtigung: ein Jahr lang bedingungsloses Grundeinkommen - 1.000 Euro monatlich auf dem Konto. Ihr erster Gedanke: alles nur ein Fake. Sie hatte längst vergessen, dass sie sich zwei Jahre zuvor bei einer Verlosung beim Verein "Mein Grundeinkommen" angemeldet hatte. Doch es zeigt sich: Stina Onescheit hatte wirklich gewonnen. "Das war mehr Geld, als ich vorher mit meinem Teilzeitjob im Kino verdient hatte - es war total surreal", erinnert sie sich.

Der Verein "Mein Grundeinkommen" sammelt per Crowdfunding Geld. Jedes Mal, wenn 12.000 Euro zusammengekommen sind, wird eine Person ausgelost, die ein Jahr lang 1.000 Euro ausbezahlt bekommt. Und so traf das Los eines Tages Stina Onescheit.

"Nur zu Hause sitzen wäre mir zu langweilig gewesen"

Was macht man mit diesem Geld, das unverhofft auf dem Konto liegt? Für Onescheit war von Anfang an klar, dass sie sich trotzdem einen Job in Frankfurt suchen will. "Nur zu Hause sitzen wäre mir viel zu langweilig geworden." Außerdem habe ihr das Arbeitsamt Druck gemacht und jede Woche Jobangebote geschickt.

Das Grundeinkommen habe den Druck bei der Arbeitssuche abgemildert, berichtet Stina Onescheit: "Ich musste nicht irgendeinen Job machen, nur um Geld zu verdienen." Deshalb konnte sie einen 450-Euro-Job als Aushilfe bei der Tierstation am Frankfurter Flughafen annehmen. Und sie hatte schon wieder Glück: Nach einem Monat wurde eine Vollzeitstelle daraus. "Ohne das Grundeinkommen hätte ich wahrscheinlich den Job von vornherein ablehnen müssen, denn 450 Euro wären viel zu wenig zum Leben gewesen", sagt Onescheit.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Grundeinkommen - eine gerechte Sache?

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Befürworter wollen Arbeitsplatzverlusten begegnen

Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens ist nicht neu. Doch mit der fortschreitenden Digitalisierung ist die Diskussion darüber wieder neu in Schwung gekommen. Es gibt namhafte Befürworter. Dazu zählen der Silicon-Valley-Prophet Elon Musk, Marc Zuckerberg von Facebook und der deutsche Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner.

Die Argumente für das Grundeinkommen sind unterschiedlich, rege diskutiert werden vor allem Szenarien massiver Arbeitsplatzverluste durch die Digitalisierung der Industrie. Maschinen und Computerprogramme machten menschliche Arbeit in vielen Bereichen bald überflüssig, heißt es. Wobei es ebenso Prognosen gibt, wonach die Digitalisierung an anderer Stelle wieder Arbeitsplätze für Menschen schafft.

Für die Befürworter des Grundeinkommens ist dieses jedoch spätestens dann unabdingbar, wenn die Roboter die Werkshallen vollständig übernehmen. Mark Hannig von der Partei Bündnis Grundeinkommen in Hessen sagt: "Mittelfristig ist unklar, wie wir Menschen entlohnen können, wenn der Produktionsfaktor Mensch in vielen Sektoren durch künstliche Intelligenz ersetzt wird."

Maximal gerecht - oder total ungerecht?

Nach Ansicht Hannigs hätten Menschen mit dem Grundeinkommen außerdem die Chance, frei von finanziellen Zwängen zu entscheiden, welchen Tätigkeiten sie nachgehen möchten: außer Erwerbsarbeit zum Beispiel sozialem Engagement, Vereinsarbeit, Pflege oder Kindererziehung. "Ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet für mich maximale Gerechtigkeit", sagt Hannig: "Es geht nicht darum, mit einem Grundeinkommen alle reich zu machen, sondern darum, jedem Menschen einen Mindeststandard zu gewähren, der nicht an Bedingungen geknüpft ist." Ein Konzept, mit dem das Bündnis bei den jüngsten Landtagswahlen in Hessen 0,1 Prozent der Zweitstimmen holte.

Kritiker sehen besonders die Finanzierung des Grundeinkommens kritisch. 82 Milliarden Euro pro Monat bräuchte es, um jedem Bundesbürger monatlich 1.000 Euro zu überweisen, denn auch jedes Kind soll diese Summe erhalten. .

Für Michael Rudolph, den Bezirksvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Hessen-Thüringen, ein eher utopisches Ziel. Von Finanzierungsmodellen, die das Grundeinkommen zum Beispiel über die Mehrwertsteuer finanziert sollen, hält er nichts: "Das wäre sozial ungerecht, denn dann müssten ja alle Bürger unabhängig von ihrem Vermögen für das Grundeinkommen aufkommen. Dann ginge das Geld zur einen Tasche rein und zur anderen wieder raus."

DGB plädiert für gute Löhne und Gehälter

DGB-Mann Rudolph plädiert zudem dafür, dass ein arbeitender Mensch ein höheres Einkommen haben sollte als ein Mensch, der nicht arbeitet: "Das soll im Umkehrschluss aber nicht heißen, dass die Person, die nicht arbeiten kann, in Armut vegetiert. Es muss eine anständige soziale Sicherung für diese Menschen geben." Der Hartz-IV-Satz reiche dazu nicht aus.

Statt eines Grundeinkommens will der DGB vielmehr durchsetzen, dass den Menschen ein Recht auf gute und gut bezahlte Arbeit gewährt wird. Dass das bedingungslose Grundeinkommen faul macht, glaubt Rudolph zwar nicht. Es sei aber nicht der richtige Weg, um das Grundproblem wachsender Einkommensunterschiede in der Gesellschaft zu beheben.

Stina Onescheit glaubt, dass gerade ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle zu steigenden Löhnen führen könnte: "Ich glaube, dass dadurch manche Jobs, die keiner machen will, aber die jemand machen muss, einfach besser bezahlt würden." Und das führe zu höherer Anerkennung. Schließlich drücke sich im Lohn die Wertschätzung für eine Arbeit aus.

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49 Kommentare

  • Grundeinkommen ist der Teil des Einkommens, den jeder Mensch unbedingt zu Leben braucht. Dies sprechen wir uns gegenseitig ohne Bedingung zu. Es ist kein zusätzliches Einkommen, sondern ein grundsätzliches. Das Grundeinkommen ist von allen, für alle. Nicht mehr Geld, sondern mehr Freiheit entsteht. Jeder muss selbst bestimmen können, was und für wen er arbeiten will.

    Die Arbeit würde ihren schlechten Ruf eines Zwangs verlieren. Das Motiv der Arbeit wäre nicht mehr Geld und Zwang, sondern Sinn. Arbeit ist etwas zutiefst menschliches. Sie gibt uns Sinn und wir entwickeln uns dadurch weiter. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung zum selbstbestimmten mündigen Menschen.

    http://wirwollenabstimmen.de

  • Es ist unerträglich, dass die sog. Sozialversicherungen für die, die sie am meisten brauchen, entwertet worden sind - ohne dass der Wähler sich direkt wehren kann. Das bGE macht endlich klar, dass die materielle Basis für jeden nicht an den Erwerbsarbeitsstatus gekoppelt sein darf. Was gibt es inzwischen nicht alles für Sinnlos-Tätigkeiten, während die grundlegenden Dinge nicht wertgeschätzt werden! Erst das bGE gibt jedem die Möglichkeit, das zu tun, was er für sinnvoll und notwendig hält. Es wird höchste Zeit, die staatliche Bevormundung aufzugeben, noch dazu, wo der unserem bisherigen Wirtschaften immanente Wachstumszwang unser aller Lebensgrundlagen aufs höchste gefährdet. Und 'Vollbeschäftigung' kann sowieso kein langfristig tragfähiges Konzept sein. Die Krise, die wir haben, kann doch nicht damit angegangen werden, an überlebten und ohnehin zweifelhaften 'Errungenschaften' festzuhalten. Es wird Zeit, Freiheit ernstzunehmen und die menschliche Würde.

  • Das bedingungslose Grundeinkommen wäre das gerechteste für alle. Insbesondere die Berufsgruppen die sich oftmals fast schon in prekären Situationen befinden, ich nenne hier einmal die Pflegeberufe, einige Handwerksberufe wie Schneider oder Friseur, würden vom BGE profitieren. Zu dem Verdienst von oftmals nur um die 1000 für eine Vollzeitarbeit würden noch die 1000 des BGE hinzukommen. Da steht man sicher morgens etwas lieber auf als zuvor. Das wichtigste aber man kann sich seinen Job wieder aussuchen was sich auch auf die Qualität der Arbeit auswirkt. Denn wenn ich gerne zur Arbeit gehe, mache ich in der Regel auch meinen Job besser.

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