Haus der Begegnung Frankfurt Bistum
Das "Haus der Begegnung" in Frankfurt ist zur "Villa Gründergeist" geworden. Bild © Endres/hr

Theater-Workshops, Meditation oder Paarberatungen für junge Erwachsene sind nicht mehr im Angebot. Aus dem renommierten "Haus der Begegnung" in Frankfurt macht die katholische Kirche eine Start-up-Beratung. Warum, will jetzt auch die Stadt wissen. Das Bistum Limburg mauert.

Der mächtigen Jugendstil-Villa scheint von außen betrachtet nichts zu fehlen. Im Gegenteil: Die Immobilie mitten im teuren Frankfurter Westend wird im Bestand des Bistums Limburg wohl als Juwel verbucht sein.

Aber Norbert Copray sieht das Gebäude mit anderen Augen. "Eine geistig-geistliche Ruine" nennt er daher das, was im Gärtnerweg 62 nach systematischer Demontage noch vorzufinden sei. "Hier geht ein Haus vor die Hunde. Das Bistum hat eine bundesweit renommierte Institution zerrüttet und klein gemahlen."

10.000 Besucher jährlich

Die Institution, welcher der Frankfurter Theologe, Therapeut und Buchautor nachtrauert, hat er Anfang der 80er-Jahre mit gegründet und dann zwei Jahrzehnte lang in der Westend-Villa geleitet: das "Haus der Begegnung".

Unter diesem Namen bot das Bistum in Frankfurt etwas an, was es so zuvor von der Kirche kaum gegeben hatte: Kultur, Bildung und Beratung speziell für jüngere Erwachsene in der Großstadt. Das HdB, wie es sich nannte, wurde zum Vorbild. Als gefragter Fachmann reiste Copray durch Deutschland, die Schweiz und Österreich, um interessierte kirchliche Träger zu beraten.

"Es waren im Schnitt 10.000 Besucher jährlich. Wir haben alle Etagen bespielt", erinnert sich der Ex-HdB-Chef.  Doch ob Theater-Workshop für Singles, Qigong für Gestresste, Stadtspaziergang oder Paarberatung: Das war einmal.

Schöne Menschen am Laptop

Im Herbst 2017 war aus dem einst dicken Programmheft ein Flyer im DIN-A4-Format geworden. Für 2018 gibt es mangels Kursen nicht einmal mehr den. tut sich schon lange nichts mehr. Ohne dass es der Öffentlichkeit bisher mitgeteilt wurde, hat das Bistum vor Monaten den bisherigen Betrieb offenkundig eingestellt.

Was im HdB überhaupt noch läuft - oder nicht - fragt sich inzwischen auch das Sozialdezernat der Stadt Frankfurt. Dort ist ebenfalls aufgefallen, dass es für den jährlichen städtischen Zuschuss in Höhe von 82.000 Euro längst kein Programm mehr als Gegenleistung gibt. Man sei mit Fragen an das Bistum herangetreten, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Zu persönlichen Gesprächen mit dem Leiter der Einrichtung haben sich für Donnerstag Mitarbeiter von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) angesagt.

Villa Gründergeist Schild
"Villa Gründergeist" - die Tafel gibt es schon länger. Bild © Endres/hr

Von der ganz anderen Zielrichtung, die sich das Bistum für die künftige Nutzung seiner Westend-Villa erdacht hat, kündet eine kleine Tafel am Gebäude. Auf ihr steht: "Villa Gründergeist“. wirbt seit Monaten mit einer Startseite und wenigen Zeilen um Jungunternehmer und Start-up-Gründer im Alter von 20 bis 40 Jahren.

Zwei Fotos von schick-schönen Menschen am Laptop und ein Kontaktformular gibt es auch. "Lassen Sie uns in der Villa Gründergeist spinnen, wie man die Welt mit Ihrer Idee ein Stück besser machen kann. Wir haben Raum, Sie die Idee“ - wer sich wie Copray fragt, was genau hinter dieser Botschaft steckt, läuft beim Bistum allerdings ins Leere.

Fragen ohne Antwort

  • Welche Ziele verfolgt ausgerechnet die katholische Kirche mit einer Start-up-Betreuung, die andere Institutionen seit Jahren sehr professionell anbieten?
  • Wann geht es los auf "vier Etagen für ein Café 'Come together', ein Innovations-LAB und Co-Working'?
  • Gab es schon Anmeldungen, wie viele?
  • Was ist der Grund für die Neuausrichtung und das stille Ende des HdB in der bisherigen Form?
  • Was wird aus den Mitarbeitern?

Eine Mail mit solchen Fragen lässt die Pressestelle des Bistums seit Anfang Mai unbeantwortet. Keine Reaktion auch auf mehrere Rückrufbitten und auf eine Erinnerungsmail, die auch auf Kritik am Vorgehen der Kirche hinweist.

Dozentin: "Wurden regelrecht vergrault"

Die langjährige HdB-Dozentin Claudia Bady kennt das. "Wenn ich etwas erfahren habe, dann allenfalls nebenbei oder hinter vorgehaltener Hand“, sagt die Heilpraktikerin und Expertin für Tanztherapie über das, was sie als Niedergang begreift. Bistumsintern firmiert der Umbruch unter "Relaunch" und "völliger Neuaufstellung".

Dabei war die Seminarleiterin bereit zur Veränderung und der Aufforderung der Leitung umgehend gefolgt, ein neues Konzept für ein jüngeres Publikum vorzulegen. "Es gab nie eine Reaktion." Sie und andere Kursleiter seien stattdessen auf eher unchristlicher Weise "regelrecht vergrault" worden - mit voll gestellten Seminarräumen zum Beispiel.

Schließungsphantasien

Anders als Bady werden manche die einst "wunderbare Atmosphäre" in der Einrichtung nicht vermissen. Denn das "Haus der Begegnung" war vor allem für Konservative in der Amtskirche ein Dauer-Ärgernis. Und es war wiederholt Objekt für Schließungsphantasien.

Besonders dem frommen Limburger Ex-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und seinen Mitstreitern war der Geist dort zu weltlich-liberal. In dieser skandalträchtigen Zeit warf das Bistum auch den für die damaligen Hierarchen unbequemen HdB-Leiter Patrick Dehm hinaus, ohne ihn nach dem unrühmlichen Tebartz-Abgang zu rehabilitieren. Ein Mitarbeiter, der sich solidarisierte, erhielt eine Abmahnung.

Die HdB-Leitung blieb daraufhin jahrelang unbesetzt, die Zahl der Seminare sank immer weiter, die der Teilnehmer auch.

"Atmosphäre der Kälte"

Ex-Leiter Norbert Copray vermutet dahinter System, räumt aber ein: Mit Nostalgie ist es auch nicht getan. Eine laufende Modernisierung von Projekten wie dem HdB sei ohnehin immer nötig - aber auch möglich und lohnenswert. Beim Gedanken an die neuen Absichten des Bistums packt ihn der heilige Zorn: "Was hier geschieht, ist ein seltsamer Bruch." Zumal Frankfurt an Einwohnern und auch an Single-Haushalten wächst - und damit der Bedarf an Begegnung, Kommunikation, Hilfe für Privat- und Berufsleben.

Wie der Theologe urteilt auch Therapeutin Bady: Was an dem neuen "Gründergeist"-Konzept bekannt sei, deute auf ein Angebot hin, dass "im Grunde inhaltslos“ sei. Mit christlicher Kirche habe das bislang nichts Erkennbares zu tun. Das gelte aber auch für die Art und Weise der HdB-Abwicklung: "Es herrscht eine Atmosphäre der Kälte."