Missbrauchsopfer Rolf M. "Unser Pfarrer war ein familiärer Typ"
Missbrauchsopfer Rolf M. im Gespräch mit einer hr-Reporterin: "Unser Pfarrer war ein familiärer Typ" Bild © hr

Tausende Opfer von sexuellen Übergriffen dokumentiert die neue Missbrauchsstudie der katholischen Kirche. Auch Rolf M. wurde als Kind von einem Pfarrer missbraucht. Noch als erwachsener Mann ringt er mit den Worten für das, was damals passierte.

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Die katholischen Bischöfe haben auf ihrer Herbsttagung am Dienstag in Fulda vor allem über eines gesprochen: den sexuellen Missbrauch an tausenden von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Diakone. Fünf Jahre lang wurde im Rahmen einer Studie das Ausmaß der sexuellen Übergriffe in der katholischen Kirche untersucht. Die Studie dokumentiert insgesamt 3.677 Opfer von sexuellen Übergriffen.

"Mitten in der Nacht habe ich Stöhn-Geräusche gehört"

Auch Rolf M. wurde als Kind Opfer eines sexuellen Übergriffs. Noch heute fällt es ihm schwer darüber zu reden. Auf keinen Fall möchte er erkannt werden, deshalb ist hier auch nicht sein richtiger Name zu lesen. Rolf M. wuchs in einem hessischen Dorf im Bistum Mainz auf. "Unser Pfarrer war ein familiärer Typ", erinnert er sich: einer, der Film- und Spieleabende organisierte, mit den Kindern auf Freizeiten fuhr. Für ihn war der Pfarrer eine Vertrauensperson. Bis zu diesem einen Abend.

Einen Tag vor der Fahrt mit einer Gruppe in eine Jugendherberge habe ihm der Pfarrer vorgeschlagen, bei ihm zu übernachten. Er auf dem Feldbett, der Pfarrer in seinem Bett daneben. Mitten in der Nacht habe er plötzlich Stöhn-Geräusche gehört. "Der Pfarrer hat sich selbst befriedigt und versuchte, mit seiner Hand an mein Glied zu kommen." Er habe das damals nicht einordnen können. Sei irritiert gewesen. Am nächsten Morgen fährt Rolf wie geplant mit ihm und der Gruppe auf die Freizeit.

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„Auch wenn es gelingt, das alles zu verpacken, verdrängen, zu verstecken. Irgendwann kommt der Moment, an dem es wieder hochkommt.“ Zitat von Johannes Heibel von der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern
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"Mitten in der Nacht habe ich Stöhn-Geräusche gehört"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Missbrauchsopfer Rolf M: "Diesen Vorfall habe ich lange mit mir selbst ausgemacht"

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"Er hat mich nicht drauf angesprochen und ich hab das genauso wenig gemacht. Auch meinen Eltern gegenüber habe ich lange Zeit nichts gesagt", sagt Rolf M. Aber im Stillen wirkt der Übergriff nach. Rolf, der sonst so viel Spaß an den Ausflügen in der Gemeinde hatte, zieht sich zurück. Will von der Kirche nichts mehr sehen und hören, wie er heute sagt.

Seine Mutter wunderte sich damals schon, warum der Junge die Firmung plötzlich vehement ablehnt - und fragt nach. Aber Rolf M. behält den wahren Grund für sich. "Das ist in mir wie eine Blockade gewesen. Diesen Abend oder diesen Vorfall habe ich lange mit mir selbst ausgemacht", sagt er.

Pfarrer geht straffrei aus - Kirche reagiert erst zehn Jahre später

Rolf schweigt bis zu dem Tag, als ihm klar wird, dass er nicht der einzige ist: Sein älterer Bruder vertraut sich ihm an. Er wurde schwer sexuell missbraucht - von demselben Pfarrer. Verklagen konnte er ihn nicht mehr - die Tat war zu diesem Zeitpunkt schon verjährt. Also zieht Rolf M. die Reißleine. Holt sich Hilfe bei einer Opferberatung und reicht selbst Klage ein.

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Frankfurter Stadtdekan fordert Änderungen beim Zölibat

Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz hat als Reaktion auf die Missbrauchsstudie Änderungen beim Zölibat angeregt. Zudem forderte er einen anderen Umgang mit Homosexualität und die Aufnahme von Frauen in Kirchenämter.

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Ein wichtiger Schritt, der beim Verarbeiten hilft, sagt sein Berater Johannes Heibel von der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. "Auch wenn es gelingt, das alles zu verpacken, verdrängen, zu verstecken. Irgendwann kommt der Moment, an dem es wieder hochkommt", sagt er.

Rolf M. wirkt heute gefasst, wenn er von dem jahrelangen Verfahren erzählt - und davon, wie er den Pfarrer zum ersten Mal vor Gericht wiedersieht. "Er hat da einen starken Auftritt hingelegt - super Anwalt gehabt, von der Kirche gestellt, glaub' ich." Der Prozess zieht sich über Jahre hin. Am Ende geht der Pfarrer straffrei aus. Eine Geldstrafe von 9.000 Euro, die das Gericht zuerst verhängt hatte, wird in höherer Instanz wieder aufgehoben.

Auch in der Kirche bleibt der Mann weiter aktiv, leitet Chöre - jahrelang auch mit Kindern. Erst zehn Jahre nach der Klage entzieht die katholische Kirche ihm die Weihe: für Rolf M. eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Aus der Kirche ist er ausgetreten. Hat zu einem normalen, geregelten Leben gefunden. Er glaube an Gott, sagt er mit Überzeugung. Aber nicht mehr an die Kirche.