Joachim Schaefer in seinem Arbeitszimmer
Joachim Schaefer engagiert sich gegen Neonazis im Lahn-Dill-Kreis Bild © Simone Behse

Nach einer Razzia gegen Neonazis haben Bürger in Leun gegen Rechtsextremismus demonstriert. Der Theologe Joachim Schäfer beschäftigt sich seit Jahren mit der Extremistenszene im Lahn-Dill-Kreis.

Videobeitrag
hsk

Video

zum Video Neonazi-Szene in Mittelhessen

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Ein seit Jahren polizeibekannter Neonazi-Treff lockt die Szene immer wieder in den Lahn-Dill-Kreis. Das "Bistro Hollywood" in Leun-Stockhausen ist. Der Staatsschutz hat gerade wieder Razzien in dem Umfeld um den Treff durchgeführt, Waffen und Nazi-Devotionalien sichergestellt und Ermittlungsverfahren gegen fünf Männer aus der Region eingeleitet.

Joachim Schaefer ist katholischer Theologe und Lehrer in Wetzlar und kennt die Szene seit Jahren. Er betreibt mit Jugendlichen ein Video-Projekt für mehr Demokratie und versucht so, ein Gegengewicht gegen die rechten Umtriebe in der Region zu schaffen. Er war selbst schon von rechter Gewalt betroffen und fordert die Politik zum Handeln auf.

www.readitnow.info: Sie betreiben in Wetzlar "hessencam". Was ist das? Warum braucht man im Lahn-Dill-Kreis ein solches Projekt?

Joachim Schaefer: Das läuft über die Video-AG der Förderschule, an der ich Religionslehrer bin. ist ein Jugendvideo-Projekt. Wir wollen, dass die Jugendlichen ihre Lebenswelt mit der Kamera einfangen. Das Projekt ist inklusiv, wir arbeiten mit Gymnasiasten ebenso wie mit Förderschülern, Deutschen und Ausländern interkulturell und interreligiös. Die Kamera ist eine Hilfe, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Wir veröffentlichen unsere Filme über und unsere Homepage. Der Schwerpunkt ist Demokratie zu erhalten und Demokratie zu fördern. Häufig beschäftigen wir uns mit der sehr lebendigen Neonazi-Szene in der Region. Jeder junge Mensch soll sich eine eigene Meinung bilden können, auch über die Neonazis. Dafür müssen wir sie zeigen. Das geht mit Videos sehr gut.

Weitere Informationen

hessencam.de

Joachim Schäfer ist Pastoralreferent bei der katholischen Domgemeinde Wetzlar und Religionslehrer an einer Förderschule. Der 57-Jährige lebt in Wetzlar und betreibt das Jugend-Medien-Projekt hessencam.de., das sich auf die Fahnen schreibt, Demokratie und kreative Beteiligung von Jugendlichen zu fördern und ein kritisches Zeichen gegen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu setzen.

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www.readitnow.info: Ist denn die Demokratie im Lahn-Dill-Kreis in Gefahr?

Joachim Schaefer: Dort gibt es seit 2003 etwa eine stark zentrierte Gefahr von Rechts für die Demokratie. Besonders in Wetzlar und in den Dörfern in der Gegend - und besonders in Leun-Stockhausen - gibt diesbezüglich eine alte Tradition. Da ist ein gewisses Grundkapital an rechtem Gedankengut in einigen Familien seit Jahren vorhanden. Und diese Menschen versuchen auch, junge Leute an sich zu binden. 2008 gab es in Wetzlar erstmals eine große Demo von Rechtsradikalen. Damals bin ich schon mit der Videokamera mitgegangen, um diese bedrohlichen Tendenzen für alle sichtbar zu machen, auch über Wetzlar hinaus.

www.readitnow.info: Haben sie persönlich auch schon Erfahrungen mit rechter Gewalt gemacht?

Joachim Schaefer: Mein Haus wurde schon drei Mal mit Hakenkreuzen beschmiert. Und 2010 haben Neonazis einen Molotow-Cocktail nachts auf das Haus geworfen, in dem meine Ex-Frau und meine drei Kinder wohnen. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht dort. Das Haus brannte im Eingangsbereich, es war bedrohlich. Die Täter waren alle im Gefängnis, sind jetzt auch schon wieder entlassen. Ich habe einige im Gefängnis besucht. Da hat es auch eine Entschuldigung gegeben. Aber ich sehe die Männer auch immer noch im Bereich der Neonazi-Szene, die machen nach dem Gefängnis einfach weiter. Bei aller Liebe und Jugendarbeit darf man die kriminellen Energien nicht unterschätzen.

www.readitnow.info: Dieser Tage sind wieder Wohnungen in Leun vom Staatsschutz durchsucht und Waffen und Nazi-Devotionalien gefunden worden. Was ist da los in Leun?

Waffen und Nazi-Devotionalien liegen auf einem Tisch bei der Polizei
Waffen und Nazi-Devotionalien wurden bei einer Razzia am 28.11.2018 in Leun-Stockhausen sicher gestellt. Bild © Franco Foraci

Joachim Schaefer: Das spielen viele Faktoren eine Rolle: schlechte Verhältnisse bis hin zur Armut, kriminelle Ernergie, Drogenprobleme… Und dann gibt es da eben dieses Angebot der rechtsradikalen in Leun und besonders in Stockhausen für diese ausgegrenzten Jugendlichen. Dort gibt einen großen Freiraum für solche Menschen. Etwa das "Bistro Hollywood" (rechtsextremer Szene-Treff, Anm. d.Red.) ist ein solcher Ort, ein Auffangbecken, das rechte Umtriebe ermöglicht.

www.readitnow.info: Ist das ein strukturelles Problem im Lahn-Dill-Kreis?

Joachim Schaefer: Ja, auch. Thomas Gorr etwa, der nun bei dieser Razzia vom Staatsschutz festgenommen wurde, ist der Betreiber des Bistro Hollywood und seit Jahren wegen rechter Umtriebe, Waffen-, Drogen- und Gewaltdelikten polizeibekannt. Der Mann hat ein Persönlichkeitsproblem und ist gefährlich für Jugendliche. In Leun ist er Stadtverordneter für die NPD. Also politisch wird da eher nicht durchgegriffen gegen rechte Strukturen. Und die NPD ist für labile Jugendliche, meistens Männer, attraktiv. Ich bezeichne sie in der Gegend als Politiksekte für heimatlose Jugendliche – ein Auffangbecken.

www.readitnow.info: Was müsste ihrer Meinung nach geschehen in der Region?

Joachim Schaefer: Ich denke, es ist ganz wichtig, dass die Menschen, die in Leun und Stockhausen leben, aus ihren Häusern rauskommen, Gesicht zeigen  und ganz klar sagen: "Wir wollen diese Nazis hier nicht". Die haben ja auch die Schnauze voll davon, dass alle paar Wochen ein Polizeigroßaufgebot im Ort aufläuft und die Straßen sperrt, weil irgendein Neonazitreffen dort stattfindet.

Die Bewohner dachten, das würde schon irgendwie gehen. Man ist ja auch Nachbar seit vielen Jahren. Aber es geht eben nicht. Und die Politik ist mit dem Thema auch sehr unkreativ umgegangen, jahrelang. Man ließ die NPD gewähren, als wäre sie eine ganz normale, seriöse Partei. Und sie geht immer einen Schritt weiter und radikalisiert sich immer weiter. Es wäre längst mal so etwas wie ein antifaschistischer runder Tisch nötig.

Das Gespräch führte Katrin Kimpel