Psychiatrie-Ausstellung
Das Zelt der Wanderausstellung "Psychiatrie. Tod statt Hilfe" der Scientology-Organisation KVPM steht in Frankfurt. Eine Genehmigung der Stadt liegt vor. Bild © Katrin Kimpel (hr)

In einem Zelt auf der Frankfurter Hauptwache zeigt eine Ausstellung die angeblichen Gefahren der Psychiatrie. Hinter dem Veranstalter steckt Scientology. Die Stadt genehmigte die Schau, zeigt sich nun aber ebenso wie Mediziner empört.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Umfrage: "Wer steckt denn eigentlich dahinter?"

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Es sieht aus wie ein großes Bierzelt: rechteckig, kleiner Giebel. Nichts Außergewöhnliches, mögen Beobachter im Vorbeigehen denken. Auf der Hauptwache ist ja häufig ein Fest oder es stehen Infostände zu allen möglichen Themen bereit.

Mit Slogans wie "Öffentliche Warnung vor der Psychiatrie", und "Psychiatrie = organisierte Kriminalität", die außen an dem Zelt prangen, wird schnell klar: Ein Bierzelt ist das nicht, das hier seit Dienstag steht.

Ausstellung: "Öffentliche Warnung vor der Psychiatrie"

Innen zu sehen ist eine aufwendig gestaltete, multimedial aufbereitete Ausstellung zum Thema Psychiatrie, besser gesagt dazu, wie gefährlich die Psychiatrie aus Sicht der Ausstellungsmacher ist. Ti "Psychiatrie: Tod statt Hilfe".

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An Stellwänden prangen zum Teil drastische Fotos zu Themenblöcken wie "Eugenik und Holocaust", "Psychiatrie und Apartheid", "Psychiatrie als Werkzeug der Politik" oder "Die dunkle Seite der Medizin: Psychopharmaka". Dabei setzt die Ausstellung mit Folterbildern, Bildern von Leichen und Verstümmelungen ganz offen auf das Schockmoment. Die Wanderausstellung tourt seit vielen Jahren durch Europa.

Scientology steht nicht drauf - ist aber drin

Organisiert ist die Schau von einer Organisation, die sich "Die erste Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte in Deutschland" (KVPM) nennt. Es ist zwar kein Geheimnis, aber in der Ausstellung nicht erkennbar, dass KVPM eine von Scientology gegründete Organisation ist. Erwähnt wird es an keiner Stelle. Experten sprechen bei Gruppen wie KVPM von Frontgruppen der Bewegung, von denen es international etwa zehn gibt.

Ein Mitarbeiter von KVPM im Zelt in Frankfurt bestätigt den Zusammenhang auf Nachfrage von www.readitnow.info. Im Vordergrund stehe aber das Thema und nicht Scientology. "Im Prinzip sehen Sie hier nur eine Ausstellung zum Thema Psychiatrie", sagt er. Besuchern ist der Hintergrund nicht klar. Viele sagen auf Nachfrage, sie hätten nicht geahnt, dass sie hier bei Scientology sind, sondern eher gedacht, die Ausstellung gehe auf die Stadt Frankfurt zurück.

Scientology und deren Untergruppierungen wie die KVPM stehen in Hessen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Ihre Lehre schränkt laut Verfassungsschützer wesentliche Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung ein.

Verfassungsschutz: Psychiatrie wird diffamiert

Über die KVPM schreibt das hessische Landesamt für Verfassungsschutz auf Anfrage, sie diffamiere die medizinische Fachrichtung Psychiatrie und ihre Behandlungspraktiken agitatorisch. "Die Angriffe der KVPM auf die Fachrichtung Psychiatrie dürften im Anspruch der Scientology Organisation begründet sein, den einzig wahren Weg zur Heilung psychischer Krankheiten und geistiger Störungen aufzuzeigen."

Auf diesem Weg versuche Scientology schon lange, an Patienten heran zu kommen, sagt Sylvia Kornmann, Vorstandsmitglied im Landesverband Psychiatrie-Erfahrene Hessen. Kornmann sieht es als besonders problematisch, dass nicht erkennbar ist, dass hinter KVPM Scientology steckt. "Das darf eigentlich nicht sein. Normalerweise sollte die Stadt das Ding zumachen."

Psychiatrie-Ausstellung
An Stellwänden prangen zum Teil drastische Fotos zu Themenblöcken wie "Zwangsfixierung in Anstalten", "Eugenik und Holocaust", "Psychiatrie und Apartheid", "Psychiatrie als Werkzeug der Politik" oder "Die dunkle Seite der Medizin: Psychopharmaka". Bild © Katrin Kimpel (hr)

Stadt und Mediziner kritisieren Schau

Die Stadt zeigte sich auf Anfrage von der Ausstellung ebenfalls wenig amüsiert, verwies bei der Genehmigung aber auf das Recht der Meinungsfreiheit. "Wenn der Verein nicht vom Verfassungsschutz verboten ist, hat die Stadt keine juristische Handhabe", hieß es. Der Verein dürfe solch eine Sondernutzung des öffentlichen Raums beantragen.

Wenn der Verein nicht vom Verfassungsschutz verboten ist, hat die Stadt keine juristische Handhabe (wobei nur die Hälfte der Fläche genehmigt wurde). Du kannst Dich als Journalist gerne telefonisch auch direkt an die Pressestelle des Amts für Straßenbau und Erschließung wenden.

Inhaltlich verurteilte Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grünen) die Schau indes als Hetze gegen die Psychiatrie. Gerade in Frankfurt existiere seit Jahrzehnten ein "innovatives, weil sich ständig weiterentwickelndes gemeindepsychiatrisches Netzwerk". Unterstützung erhielt der Stadtrat dabei aus dem Gesundheitsamt sowie den Chefärzten der führenden städtischen Kliniken. "Psychiatrie rettet Leben und hilft, die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten", erklärten die Mediziner. Die Ausstellung sei daher "falsch und irreführend" und "bestenfalls als Propaganda zu bezeichnen".

Am Freitag stellte die Stadt zudem klar, dass KVPM eine weitaus größere Fläche an der Hauptwache beantragt hatte. Davon sei aber nur die Hälfte genehmigt worden. Die Organisation halte sich daran und nutze ausschließlich die genehmigte Fläche. Zuvor war durch Tweets der Stadt bei Nutzern wie dem Stadtverordneten Martin Kliehm (Die Linke) der Eindruck entstanden, das Zelt sei doppelt so groß wie erlaubt.

Dann soll das Ordnungsamt heute, wie in solchen Fällen üblich, darauf drängen, dass auch nur die Hälfte der Fläche genutzt wird! Oder schreiten die nur bei kurdischen Infozelten ein?

Bis Montag noch soll die Ausstellung in Frankfurt zu sehen sein.