Ein lesendes Mädchen liegt bäuchlings im Gras.
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Ein jugendlicher Ausreißer, eine Klinik, in der Kinder zu Versuchskaninchen werden oder ein Mächen, das die Zeit anhalten kann. Wenn Jugendliche statt zum Smartphone lieber zum Buch greifen, dann gelingt das mit diesen Titeln.

Sara Kadefors "Billie - Alle zusammen"

Buchcover "Billie - alle zusammen"
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Sophia Averesch (www.readitnow.info): Billie ist auf den ersten Blick die typische Identifikationsfigur für ein Mädchen-Teenie-Buch: Sie ist aufgeschlossen, fast immer fröhlich und neuerdings - ja, wie soll es in einem Jugendbuch auch anders sein - zum ersten Mal verliebt. Einerseits treiben sie die gleichen Sorgen um wie viele gleichaltrige Mädchen: Passt die Smiley-Setzung des Schwarms zur eigenen? Darf sie als feste Freundin auch noch Zeit alleine verbringen?

Andererseits hat Billie Probleme, die viele Mädchen und Jungen in ihrem Alter so gar nicht nachempfinden können. Denn Billie lebt in einer Pflegefamilie. Ihre leibliche Mutter ist depressiv. Auf Anordnung des Jugendamts verlässt sie ihre alleinerziehende Mama in Stockholm und zieht in ein Dorf. Dort fällt Billie mit ihren wilden Dreadlocks und ihrer sympathisch aufmüpfigen Art auf - doch integriert sich. Billie wird als Kämpfernatur zum Vorbild für ihre Leser und Leserinnen.

Sie gibt nicht auf, sondern sieht stets das Positive - auch in ihrer kranken Mutter. Die jahrelange Sorge um sie hat Billie schnell erwachsen und selbstständig werden lassen. Bei der Familie Persson soll sie wieder Kind sein dürfen. Doch diese Sicherheit währt nicht lange, plötzlich gerät alles ins Wanken und dieses Mal auch Billies Frohnatur.

Sara Kadefors beschreibt die Handlung mithilfe vieler Dialoge und Gedankengänge. Das macht Billies Lage sehr verständlich und nahbar, doch auch anstregend. Viele Namen ploppen auf, die man erst einmal in ein großes Gesamtkonzept ordnen muss. Billie beweist, dass man es mit Optimismus fast aus jeder Lebenslage schafft, wenn man nur will. Wer nun auf den Geschmack gekommen ist: "Bille - Alle zusammen" ist bereits der dritte Band der schwedischen Billie-Reihe.

Klaus Kordon "Hadscha, ich und der Himmel über der Pampa"

Buchcover "Hadscha, ich und der Himmel über der Pampa" zeigt eine verlassene Bushaltestelle
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Sophia Averesch (www.readitnow.info): Matti steckt in seiner ersten Sinnkrise: Seine Eltern nehmen ihn und seine Probleme nicht wahr. Was würden sie nur sagen, wenn sie wüssten, dass er überlegt, nach der Mittleren Reife von der Schule abzugehen? Der einzige Sohn - kein Abiturient, niemals ein Student! Als seine Freundin Jessy dann auch noch mit seinem Kumpel fremdknutscht, reicht's ihm. Der 16-jährige Matti flüchtet sich in eine Kindheitserinnerung. Mit seinem Fahrrad fährt er in das Dorf, in dem er als 12-Jähriger mit seinen Eltern Urlaub in der Pampa gemacht hat. Dort angekommen, muss er feststellen, dass die Zeit dort auch nicht stehen geblieben ist.

Obwohl der Leser Mattis Träume und Gefühle erfährt, bleibt er seltsam fremd und unnahbar. Wieso nennt er seine Eltern nicht "Mama" und "Papa", sondern "Sylvia" und "Eddie"? Das Bild des Ausreißers passt so gar nicht zu dem Bild des wohl behütet aufgewachsenen Jungen, der seine Rückkehr passend zum Norwegen-Familienurlaub plant. Zwischendurch meldet sich Matti artig bei "Sylvia und Eddie", gleichzeitig rechnet er mit Jessy ab. Wer jetzt an WhatsApp-Kontakt denkt, liegt falsch: Matti regelt alles per E-Mail, was ganz untypisch für seine Generation "Y" ist. Im Buch scheint das normal.

Dabei spielt die Geschichte in der heutigen Zeit: Ab der Hälfte des Buches kreuzt die Flüchtlingsthematik Mattis Abenteurergeschichte. Matti jedoch scheint das Thema fern, vorurteilsgetränkt gibt er das Geschehen aus seiner Perspektive wieder - dabei lebt Matti doch im multikulturellen Berlin. Klaus Kordon zeichnet das Bild eines Jungen, der mit seiner Flucht von zu Hause zwar in eine brenzlige Situation gerät, diese hilft im am Ende dennoch, aus seiner jugendlichen - nicht folgenschweren - Sinnkrise zu gelangen.

Herbert Günther "Seit gestern ist Frieden"

Buchcover "Seit gestern ist Frieden" von Herbert Günther
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Sophia Averesch (www.readitnow.info): Seit gestern ist Frieden, doch der Krieg gegen die eigene Vergangenheit beginnt jetzt erst. Das merkt auch die junge Hanne. Gegen den Willen ihrer Eltern trat sie in den Bund Deutscher Mädel ein, begeisterte sich für die dörflichen "Heimatabende" und die nationalsozialistische Idee der "Volksgemeinschaft". In ihren Augen verweigerten sich die Eltern nur der modernen, fortschrittlichen Zeit, die die NSDAP propagandiert hatte.

Doch dann ist der Krieg vorbei, der Frieden da - und damit auch die Besatzungstruppen der Engländer. Hier setzt die Geschichte ein. Allmählich begreift Hanne, wofür sie sich begeistert hat. Wie passt der Holocoust mit der "Volksgemeinschaft" zusammen? Schuldgefühle, Scham, Unverständnis und das Gefühl, das alles nicht wissen zu wollen, vermischen sich. Gleichzeitig geht es um die Zukunft: Wird ihre Familie auf dem Land wohnen bleiben? Und was will sie einmal werden? Hanne erlebt einen Neuanfang ohne neuen Anfang, denn die Vergangenheit kann man nicht löschen.

Herbert Günther schafft es, die schwierige Phase der Entnazifierung und der Besatzungszeit aus der einfachen Sicht eines jungen Mädchens zu beschreiben. Anders als in vielen Büchern geht es in "Seit gestern ist Frieden" nicht um die Opfer, sondern vielmehr um die Mitläufer im Nazi-Regime. Es geht um Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung - für die Protagonisten, aber auch für uns Leser. Das zeigt sich auch im Anhang: Die Geschichte von Hanne wird mit einer Zeittafel von 1933 bis zum Mauerfall faktisch belegt.

Michael Gruenbaum/Todd Hasak-Lowy "Wir sind die Adler"

Cover Gruenbaum Hasak-Lowy Wir sind die Adler
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Caroline Wornath (www.readitnow.info): Michael Gruenbaum hat als Kind gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt. Seine Erzählungen darüber, was er dort erlebte, sind die Grundlage für Todd Hasak-Lowys Buch "Wir sind die Adler". Erinnerungen und historisch belegbare Ereignisse vereinen sich zu einer eindrucksvollen Geschichte über den kleinen Mischa, der aus seiner behüteten Kindheit in Prag herausgerissen und nach Theresienstadt deportiert wird.

Vieles, was Mischa zwischen 1939 und 45 erleiden muss, kann er als Kind und Jugendlicher zunächst nicht richtig einordnen. Diese Innensicht hält Hasak-Lowy konstant durch. Umgeben von Gräueltaten erlebt Mischa eine eingeschworene Gemeinschaft, die mit Mut und Widerstandkraft einen enormen Überlebenswillen entwickelt. Eine kleine Sammlung historischer Fotos gibt den Personen ein Gesicht und stellt Nähe her. Gruenbaum und Hasak-Lowy ist ein Buch über den Holocaust gelungen, das ohne grausame Details konkret zu schildern, tief berührt. Ein Buch, das einen nach der Lektüre nicht so schnell los lässt.

Ursula Poznanski "Thalamus"

Buchcover Ursula Poznanski "Thalamus"
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Sophia Averesch (www.readitnow.info): Wem der Begriff "Thalamus" vorerst nichts sagt, der wird ihn nach Ursula Poznanskis Buch so schnell nicht mehr vergessen. Timo ist gerade auf dem Weg zu seiner Freundin, als er mit seinem Motorrad bei einem Überholmanöver schwer verunglückt. So heftig, dass er sogar am Gehirn operiert wurde - sein Sprachzentrum funktioniert nicht, seine Feinmotorik ist schlechter als die eines Zweijährigen. In der Rehaklinik Markwaldhof erzielt man sagenhafte Fortschritte mit Schädelhirntrauma-Patienten wie Timo.

Doch mit der Zeit merkt er, dass dort etwas nicht stimmt. Sagen kann er es jedoch nicht, sein Körper streikt. Als Leser würde man dann am liebsten eingreifen: Jemanden warnen oder Hilfe holen. Doch im Markwaldhof sind die vermeintlich Guten nicht die Guten. Frühere Verbündete werden plötzlich zu Feinden.

In Timos Kopf ploppt immer wieder das Wort "Thalamus" auf: Medizinisch gesehen ein Teil des menschlichen Zwischenhirns, symbolisch gilt es als das "Tor" zum Bewusstsein. Und hier scheinen alle Fäden zusammenzulaufen.

Poznanski hat eine fesselnde Geschichte geschrieben, die zeigt, wie die Medizin der Zukunft aussehen könnte. Wie die Autorin im Nachwort festhält, scheint diese Sciene-Fiction-Handlung dabei gar nicht mehr so realitätsfern.

Antje Wagner "Hyde"

Buchcover Antje Wagner "Hyde"
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Sophia Averesch (www.readitnow.info): "Hyde" zu lesen, ist bis zur Hälfte des Buches ziemlich anstrengend. Der Leser gerät immer tiefer in einen Handlungsstrudel, den er jedoch gar nicht einzuordnen weiß. Es gibt die junge Erwachsene Katrina, der wir nicht von der Seite weichen. Sie schlägt sich als Tischlerin auf der Walz durch den Alltag. Vor dem Mund trägt sie ein Tuch, das sie nie ablegt.

Doch Protagonistin Katrina ist nicht unbedingt Sympathieträgerin: Ihre Gedanken drehen sich ständig um Rache, "Auge um Auge, Zahn um Zahn" - ständig geistert dieser Spruch durch ihren Kopf. Sympathischer wird sie nur, wenn sie an ihre frühere Heimat "Hyde" denkt. Dort lebte sie mit ihrem Papa und ihrer Schwester in einer idyllischen Waldgegend: mit Kerzenlicht, einem Kompostklo und hauptsächlich von dem, was der Wald an Lebensmittel so hergab. Doch wie es scheint, ist das Vergangenheit. Eine Rückkehr ist für Katrina unmöglich.

Antje Wagner hält uns mit kleinen Portionen Informationen bis zur Seite 200 gerade so bei Laune. Immer dann, wenn man als Leser denkt, jetzt wird das Buch zur Seite gelegt, gibt es einen Anreiz, doch noch weiterzulesen. "Hyde" ist ein dunkles, geheimnisvolles Buch, bei dem sich erst ab einem gewissen Punkt alles zusammenfügt und eine Wendung nimmt, mit der wohl niemand zu Anfang rechnet.

Mechthild Gläser "Bernsteinstaub"

Buchcover Mechthild Gläser "Bernsteinstaub"
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Caroline Wornath (www.readitnow.info): Ophelia ist eigentlich ein ganz normaler Teenager. Ihr Zeitmanagement lässt zu wünschen übrig - auch wenn sie pünktlich loszieht, kommt sie zu spät zum Schulunterricht oder zu Verabredungen. Haben wir nicht alle mal das Gefühl, dass die Zeit unterschiedlich schnell vorbei geht, je nachdem womit wir beschäftigt sind? Doch bei Ophelia ist es anders. Als sie plötzlich Staubströme sehen kann, die anderen offensichtlich nicht auffallen, kommt ihr das komisch vor. Ihrer Mutter ist da schon alles klar und so wird Ophalia zu schrulligen Verwandten nach Paris geschickt, die sich ihrer annehmen und ihr die neue Situation erklären sollen.

Ophelia ist nämlich eine Zeitlose, die die seltene Gabe besitzt, Zeitströme zu beeinflussen. Kaum hat Ophelia diese neue Erkenntnis verdaut, beginnt die Zeit auf der Welt verrückt zu spielen und ihre Fähigkeiten werden gleich auf die Probe gestellt.

Bernsteinstaub ist die perfekte Lektüre für Fantasy-Einsteiger. Fortgeschrittene Fantasy-Freunde dürften an einigen Stellen Anleihen aus diversen anderen Klassikern des Genres auffallen. Das tut dem Lesespaß aber keinen Abbruch, denn Mechthild Gläser schafft es bezaubernde Settings zu beschreiben. Null Komma nichts taucht man beim Lesen ab und schwimmt mit im Zeitstrom, der bei der Lektüre zu rasen scheint.