Verseuchte Gartenkolonie in Darmstadt
Gemüse aus den Gärten darf nicht mehr gegessen werden. Bild © picture-alliance/dpa

In einer Schrebergartensiedlung in Darmstadt befinden sich seit Jahrzehnten Arsen, Blei und andere krebserregende Schadstoffe im Boden. Man hätte es wissen können, doch erst jetzt will die Stadt handeln. Die Gärtner sind sauer.

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Verseuchte Böden in fast 80 Schrebergärten - und das seit Jahrzehnten. Diese Hiobsbotschaft sorgt für nachdenkliche Gesichter im Vereinsheim der "Gartenfreunde 1931". Etwa hundert Menschen sind gekommen, um sich über die Pläne der Stadt Darmstadt zu informieren. Wie Stadtvertreter Norbert Werner sagt, sollen die mit Arsen, Blei und anderen Schadstoffen belasteten Kleingärten saniert werden. Innerhalb der kommenden zwei Jahre sollen Kosten kalkuliert, Planungen fortgeführt werden. Außerdem will die Stadt ein neues Areal für die Schrebergärtner suchen. Dorthin könnten diese im Idealfall ziehen, während saniert wird.

"Wollen Sie nicht mal zur Sache kommen?"

Die Stadt steht unter Druck. Ihr gehört das Areal, auf dem sich seit 1945 die Gartenkolonie befindet. Wer Entspannung vom hektischen Stadtleben gesucht hat, konnte sie hier finden. Doch für die meisten Pächter dürfte in diesen Tagen das satte Grün der Gartenkolonie kaum Trost bieten. Anfang Mai gaben Regierungspräsidium (RP) und Stadt Darmstadt ein Informationsblatt heraus, das etwa vor dem Anbau und Verzehr von Gemüse, Salat oder Erdbeeren warnt. "Wasser aus Brunnenanlagen darf nicht genutzt werden", lautet eine weitere Warnung.

Verseuchte Gartenkolonie in Darmstadt
Gefährlich oder unbedenklich? Spielendes Kind in der Gartenkolonie. Bild © picture-alliance/dpa

Damit nicht genug. Kinder dürfen in der Kleingartenanlage grundsätzlich nur auf dafür speziell hergerichteten und ausgewiesenen Flächen spielen. Auch das klingt beunruhigend. Während am Mittwochabend ein Experte ausschweifend über die mögliche Wirkung der hochgiftigen Stoffe referiert, wächst die Ungeduld bei den Pächtern. Man müsse das alles in der Gesamtwirkung sehen. "Jeder nimmt Schadstoffe auf", laute die Formel. Schließlich wird es einem Zuhörer zu bunt. "Wollen Sie nicht mal zur Sache kommen?", ruft er.

Toxikologisches Gutachten ließ auf sich warten

Pikant ist, dass eine Pächterin schon im März 2017 eine Bodenprobe entnahm und diese untersuchen ließ. Nachdem klar war, dass wohl das Erdreich in sämtlichen Parzellen mit Arsen, Blei oder etwa auch Benzo[a]pyren belastet ist, wurden die Behörden informiert. Die wiederum brauchten vom Sommer 2017 bis zum Frühjahr 2018, um ein toxikologisches Gutachten einzuholen. Erst Anfang Mai erhielten die Pächter das Informationsblatt.

Verseuchte Gartenkolonie in Darmstadt
Beunruhigt: Die Pächter der Schrebergärten auf der Informationsveranstaltung. Bild © picture-alliance/dpa

Es sei schwierig gewesen, ein toxikologisches Gutachten zu beschaffen, verteidigt Norbert Werner den Zeitverzug. Werner, der Betriebsleiter des städtischen Eigenbetriebes Immobilienmanagement ist, sagt, es gäbe nur wenige Experten auf diesem Gebiet. Und die seien ständig ausgebucht. 

"Aus meiner Sicht sind die Pächter regelrecht verarscht worden", schimpft hingegen Heinz-Bodo Kunze. Der 69 Jahre alte Mann hat hier seit Jahrzehnten gemeinsam mit seiner Frau einen Schrebergarten. Sicher, an die Empfehlungen des RP Darmstadt wolle man sich halten. Aber was sei mit den Kindern und den Erwachsenen, die während all dieser Jahre hier gespielt haben, will Kunze wissen.

Hinweise auf Schadstoffe schon in den 80er Jahren

Tatsächlich - und auch das ist bemerkenswert - ist das alles nicht neu. Schon in den 1980er Jahren stand laut Regierungspräsidium Darmstadt fest, dass die Böden belastet sind. Doch heute werde die Konzentration der Schadstoffe anders bewertet. Es gebe neue gesetzliche Bewertungsgrundlagen und wissenschaftliche Erkenntnisse, heißt es sinngemäß im Informationsblatt.

Warum aber ist die Stadt nicht selbst in den vergangenen Jahren aktiv geworden? Wieso musste erst eine Pächterin Bodenproben entnehmen, die dann erst nach über einem Jahr zu einer Reaktion geführt haben? Eine klare Antwort gibt es am Mittwoch nicht.

Tongrube einer früheren Ziegelei

Aus Sicht von Experten war die Belastung mit Schwermetall schon bei der Errichtung der Gartenkolonie um 1945 hoch. Dort nämlich hatte sich zuvor die Tongrube einer früheren Ziegelei befunden. Die Unebenheiten auf dem Gelände wurden dabei mit Resten - Schlacken und Flugasche - aus der ehemaligen Kokerei verfüllt. Wer aber war dafür verantwortlich? Auch diese Frage kann an diesem Mittwoch niemand beantworten. "Das lässt sich nicht mehr zurückverfolgen", sagt Norbert Werner. Jetzt stehe eben die Stadt in der Pflicht, fügt er hinzu und zuckt die Achseln.


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