Bildkombo Tanzender Arzt HSK Wiesbaden
Ein Wiesbadener Kinderarzt macht Furore als Tänzer. Bild © Youtube/Steven_Richter

Mit einer Tanzeinlage für einen schwerkranken Vierjährigen vor knapp einer Woche hat ein Kinderarzt der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden einen Medienhype ausgelöst. Im Interview erzählt er, was er seitdem erlebt hat.

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Der vierjährige Gerrit leidet am extrem seltenen Gen-Defekt MOPD Typ 1. Nach einer Grippe wurde er schwerkrank in die Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden eingeliefert. Als es ihm wieder besser ging, zauberte ihm Kinderarzt Mario Berwald mit einer Tanzeinlage ein Lächeln ins Gesicht.

Gerrits Vater, Steven Richter, filmte den Tanz und stellte das Video vor knapp einer Woche auf der Facebook-Seite ins Netz. Die Resonanz war riesig, das Video erreichte schnell mehr als eine Million Klicks, zahlreiche Medien berichteten. Der 41 Jahre alte Arzt aus Riedstadt (Groß-Gerau) wurde zum Facebook-Star. Wir erwischen ihn am Freitagnachmittag am Telefon an seinem Arbeitsplatz zum Interview.

www.readitnow.info: Hat Sie der Medienhype um Ihre Tanzeinlage überrascht?

Mario Berwald: Dass das - wie man so schön sagt - viral durch's Netz geht, hätte ich nie gedacht. Facebook ist mit Kommentaren übergequollen. Als ich zuletzt nachsah, waren es 4.000. Ich ging davon aus, dass das vielleicht 500 Leute sehen, die das ganz nett finden. Wenn ich jetzt sehe, was die Leute da alles Rührendes schreiben, kriege ich selbst Pipi in die Augen.

www.readitnow.info: Wurden Sie auch selbst iert?

Berwald: Häufig, ja, auch auf Facebook. Das Witzigste war ein Heiratsantrag. Jetzt habe ich die Einstellungen so geändert, dass mich nicht jeder erreichen kann. Das wurde einfach zu anstrengend. WhatsApp hat gebimmelt ohne Ende, sogar bei meiner Freundin. Fernsehen und Radio waren schon da. Das ist alles irgendwie unfassbar.

www.readitnow.info: Wie kam es zu dem Tanz für Ihren kleinen Patienten?

Berwald: Ich habe letzten Endes nur ein Versprechen eingelöst. Ich musste einmal einen Zugang beim Gerrit legen. Das hat nicht gleich geklappt. Da habe ich gesagt: Weil ich den kleinen Mann jetzt so quälen muss, werde ich als Wiedergutmachung für ihn tanzen, wenn er wieder fit ist. Als es ihm besser ging, sagte seine Mutter: So, der Herr Berwald muss tanzen.

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www.readitnow.info: Kann Tanzen auch Therapie sein?

Berwald: Alles, was sie am Kind machen und was lustig ist, nehmen die Kinder mit. Für mich ist es alltäglich, dass ich mit meinen Patienten Spaß mache, damit sie auch mal lachen können. Man muss halt auch mal in die Trickkiste greifen, damit die Kinder im Krankenhaus nicht nur traurige Erlebnisse haben.

www.readitnow.info: Es gibt ja auch die Clown-Doktoren ...

Berwald: Genau. Einmal in der Woche sind sie auch bei uns in der Klinik. Die haben alle unterschiedliche Talente. Mein Talent ist eben das Tanzen. Aber was ich gemacht habe, war eh' nur eine Kleinigkeit. Die Hauptleistung hat das Team vollbracht. Ich habe Gerrit abends und nachts betreut, andere tagsüber.

www.readitnow.info: Wie hat Gerrit auf Ihren Tanz reagiert?

Berwald: Der hat gestrahlt. Was er letztlich dachte, ist schwer zu sagen. Aufgrund seiner Erkrankung ist er in seiner Entwicklung hintendran. Auf dem Papier ist er vier Jahre alt, aber er hat das Entwicklungsstadium eines Anderthalbjährigen. Er stand außerdem unter Medikamenten.

www.readitnow.info: Wie reagieren Ihre Kollegen auf den Medienhype?

Berwald: Die finden's alle cool und sind froh, dass in den HSK mal was passiert. Medizinisch sind wir hier sowieso alle gut drauf. Aber die Außenwirkung finden sie natürlich klasse, werden sogar selbst angesprochen, ob sie mich persönlich kennen. Die müssen allen ihren Freunden und Bekannten Rede und Antwort stehen.

www.readitnow.info: Haben Sie schon Jobangebote von anderen Kliniken?

Berwald: Abwerbeversuche gab es noch nicht, und das ist auch gut so. Ich habe meinen Vertrag mit den HSK nämlich erst vor kurzem verlängert, weil ich mich hier so wohl fühle.

www.readitnow.info: Bringt der Medienhype auch einen konkreten Nutzen?

Berwald: Die Eltern von Gerrit wurden schon gefragt, ob es ein Spendenkonto gibt. Sie bekommen auch Pakete geschickt. Ich denke, die sind froh, wie das im Moment läuft. Für so eine gute Sache kann man das bestimmt verwenden.

www.readitnow.info: Warum tanzen Sie so gut?

Kinderarzt Mario Berwald
Kinderarzt Mario Berwald beim Telefoninterview mit hesenschau.de Bild © privat

Berwald: Als Jugendlicher habe ich mit Freunden Tanzvideos geguckt. "Can't touch this" von MC Hammer oder "Ice Ice Baby" von Vanilla Ice. Das haben wir uns abgeguckt. Letztlich war mein Tanz in der Klinik eine Mischung aus HipHop, Rave und einfach Spaß am Tanzen. Freestyle, wenn Sie so wollen.

Mein Jugendhobby waren Standard-Tanz und Latein in der Tanzschule, später Schautanz im Tanzsportverein. Das war eine Leistungsgruppe, die auf Turniere im Niveau der 1. Bundesliga gefahren ist.

www.readitnow.info: Werden Sie wieder für Patienten tanzen?

Berwald: Das kann passieren. Mein Chef würde sagen: Das ist typisch Berwald. Es kann auch sein, dass ich einen Witz mache, dass ich die Kinder da abhole, wo sie stehen. Es gibt vielleicht Kinder, die können mit tanzen nichts anfangen. Dann gibt es halt die Batman-Unterhose. Das kommt auf die Situation an.

www.readitnow.info: Könnte dieses Ereignis Ihr Leben nachhaltig verändern?

Berwald: Ich will gute Medizin machen. Ich habe mich in Palliativmedizin zusätzlich ausbilden lassen, weil natürlich auch mal ein Kind sterben kann. Dass sich für mich großartig etwas verändert, glaube ich eher nicht. Am wichtigsten ist für mich, dass die Kinder gesund nach Hause gehen.

Das Gespräch führte Uwe Gerritz.