Wahlurnen in Frankfurt, Grafik zur Verfassungsreform
Bei der Verfassungsreform gab es eine Korrelation zwischen Parteien und Abstimmungsverhalten. Bild © MZES, picture-alliance/dpa

AfD-Wähler als größte Gegner der Verfassungsreform? Wissenschaftler haben die Ergebnisse der Landtagswahl in allen 423 hessischen Gemeinden mit denen des Referendums verglichen – mit "spannenden" Ergebnissen.

Neben der Zusammensetzung des neuen Landtags haben die Hessen am vorvergangenen Sonntag auch über eine Reform der Landesverfassung abgestimmt. Zwar war hier das Ergebnis nicht annähernd so knapp wie bei der Parlamentswahl - alle 15 Änderungsvorschläge wurden mit großer Mehrheit angenommen -, für Wissenschaftler ist die Volksabstimmung dennoch ein "spannendes Experiment". Das sagt Marc Debus, Professor am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES).

Der gebürtige Biedenkopfer hat nämlich gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Stecker die Ergebnisse des Verfassungsreferendums mit denen der Landtagswahl verglichen, in allen 423 Gemeinden. Das Kernergebnis: In den Gemeinden, in denen die AfD überdurchschnittlich stark ist, haben auch besonders viele Wähler die Verfassungsreform abgelehnt. So etwa in den Kommunen rund um Fulda, dem Schwalm-Eder-Kreis, dem Vogelsberg oder dem Osten der Kreise Marburg-Biedenkopf, Gießen und Wetterau.

Umgekehrt ist dort, wo die Grünen besonders stark abgeschnitten haben, etwa in den Universitätsstädten Darmstadt, Frankfurt, Gießen, Marburg und Kassel, die Zustimmung zu den Reformen überdurchschnittlich hoch.

Abgestimmt, unabhängig von der Fragestellung

Grafik zur Verfassungsreform
Die Grafik zeigt: Wo die Grünen stark waren, stimmten auch viele der Verfassungsreform zu - wo die AfD stark war, lehnten sie viele ab. Bild © MZES

Interessant dabei ist, dass die Ablehnung bei AfD-Wählern und die Zustimmung der Grünen-Wähler weitgehend unabhängig von der Fragestellung erfolgte. Schließlich konnte man bei dem Referendum über die 15 Vorschläge entweder im Block oder über jeden einzeln abstimmen, eine Möglichkeit, von der auch viele Hessen Gebrauch gemacht haben. So haben nur 70,3 Prozent der Hessen dafür gestimmt, dass auch 18-Jährige künftig in den Landtag gewählt werden können, aber 90,9 Prozent dafür, dass personenbezogene Daten künftig besser geschützt werden sollen.

"Unsere ursprüngliche Überlegung war, dass die Ablehnung mit der Ländlichkeit der Regionen zusammenhängen könnte", sagt Debus. Die europäische Integration lehnten beispielsweise umso mehr Menschen ab, je geringer die Bevölkerungsdichte ist - aber in diesen Gegenden wählten eben auch besonders viele die AfD.

Die AfD-Anhänger stimmten wohl gegen die Empfehlung des Vorstands

Möglicherweise ging es bei dem Referendum daher nicht nur um die Inhalte, sagt Marc Debus. Er vermutet eher "Misstrauen und Unzufriedenheit" bei AfD-Wählern als Ursache für deren ablehnendes Verhalten. Immerhin wurden die Vorschläge von einem Landtag erarbeitet, dem die AfD noch nicht angehörte. Um die Ursachen genauer zu erforschen, brauche er aber Umfragedaten, sagt er.

AfD-Landessprecher Robert Lambrou sagt auf Anfrage: Zu einem eventuellen Zusammenhang zwischen AfD-Wählern und Reform-Ablehnern habe man keine Erklärung. Denn interessanterweise hatte der AfD-Vorstand seinen Anhängern empfohlen, elf der 15 Vorschläge abzulehnen, die anderen vier dagegen empfahl er, anzunehmen. Das Wahlverhalten der AfD-Wähler blieb davon aber offenbar unberührt. Beispielsweise empfahl die Parteiführung, für die Aufhebung der Todesstrafe zu stimmen. In Gegenden, in denen die AfD stark war, wollten aber auch besonders viele Menschen die Todesstrafe in der Verfassung behalten.

FDP- und Linke-Anhänger waren eher für die Reform

Vielleicht ist auch an der Theorie mit dem Misstrauen doch nichts dran. Denn beim Blick auf die übrigen Parteien fällt noch etwas auf: Ausgerechnet unter den vermeintlich so staatskritischen FDP- und Linke-Anhängern scheinen überdurchschnittlich viele für die Reform gestimmt zu haben, während Anhänger von CDU und SPD, die beispielsweise an jeder bisherigen Bundes- und Landesregierung beteiligt waren, überraschend häufig gegen einzelne der vorgeschlagenen Artikel gestimmt hatten.

Das "spannende Experiment Verfassungsreform" scheint jedenfalls genug Stoff auch für künftige Untersuchungen zu liefern.

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Untersuchungsergebnisse

Alle Ergebnisse der Untersuchung von Marc Debus und Christian Stecker sind aufbereitet.

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